Geschenke zur Eingemeindung: Was die Gemeindereform den ehemals selbstständigen Kommunen rund um Meßkirch brachte

Südkurier vom 27. September 2019

Gedächtnis der Region: Die Eingliederung nach Meßkirch in den 1970er Jahren war für die Kommunen ein hoch emotionales Thema. Während einige sich freiwillig eingemeinden ließen, klagten andere dagegen – vergeblich. Profitiert haben die Kommunen jedoch letztlich alle in gewisser Weise von dem Zusammenschluss.

Kaum eine politische Entscheidung dürfte die Landkarte in unserer Region so einschneidend verändert haben wie die Gemeinde- und Kreisgebietsreform. Seit den 60er Jahren hatte es Überlegungen gegeben, die unterschiedliche Entwicklung der Gemeinden nach 1945 im Hinblick auf Bevölkerungsentwicklung, Verkehrsanbindung, Wohnungsbau, Kaufkraft und Infrastruktur durch eine Gemeinde- und Kreisreform auszugleichen.

Die Große Koalition in Stuttgart (CDU und SPD) beschloss am 1. September 1968 die Gemeindereform: Lebens- und leistungsfähige Ober-, Mittel-, Unter- und Kleinzentren sollten entstehen. Das Kreisreformgesetz vom 26. Juli 1971 präzisierte und beschleunigte das Verfahren. Nach der Landtagswahl 1972 setzte die CDU das begonnene Reformwerk fort.

Igelswieser machen den Anfang

Die erste Phase ab 1970 setzte auf Freiwilligkeit. Den Kommunen, die sich eingemeinden ließen, gab die Landesregierung Sonderzuschüsse, was in manchen Fällen die Entscheidung leichter machte. So machte in Meßkirch die nahe gelegene hohenzollerische Enklave Igelswies den Anfang. Angesichts der Tatsache, dass der Ort nach den Vorgaben der Reformer für eine weitere Selbstständigkeit als zu klein galt, bisherige Kreisgrenzen keine Rolle spielen sollten, kein anderer größerer Ort in der Nähe außer Meßkirch in Frage kam und die Igelswieser Kinder seit Langem die Schulen in Meßkirch besuchten, nahmen die Gemeinderäte von Meßkirch und Igelswies nach vielen Verhandlungen am 8. November 1971 die Eingliederungsvereinbarung einstimmig an.

Stadt Meßkirch verpflichtet sich zu zahlreichen Maßnahmen

Die Igelswieser verkauften sich nicht billig und ließen sich die schmerzliche Trennung von der jahrhundertelangen Zugehörigkeit zu Hohenzollern gut bezahlen. Meßkirch verpflichtete sich unter anderem zu einer Ausbaggerung und Uferbefestigung der Ablach, zum Ausbau und der Unterhaltung des Feldwegenetzes sowie der Ortsentwässerung. Dazu kamen der Ausbau der Kreisstraßen K 70 sowie K 104a einschließlich Gehwege und Straßenbeleuchtung entlang der Ortsdurchfahrt, die Reparatur der Brückenfundamente beim Sägewerk Birk, die Beförderung von Kindern zu den Meßkircher Kindergärten und der Winterdienst auf Igelswieser Ortsstraßen.

Dazu ist anzumerken: Bisher räumten die Schneepflüge des Kreises Stockach nur auf badischen Kreisgemarkungen, nicht aber in Igelswies. Am Nachmittag kam der Schneepflug aus Sigmaringen und räumte in Igelswies den Schnee weg, aber nicht in Menningen.

„Vernunftehen“ statt „Liebesheiraten“

Als nächste Gemeinden folgten Heudorf, Langenhart, Menningen und Rohrdorf mit ähnlich ausführlichen Vereinbarungen. Am Dreikönigstag 1974 fand in der Stadthalle die Eingliederungsfeier unter Mitwirkung aller Gesangvereine und Musikkapellen aus den Ortsteilen statt. Bürgermeister Siegfried Schühle stellte heraus, dass es sich bei der Eingliederung nicht um „Liebesheiraten“, sondern um „Vernunftehen“ handle.

Landrat Max Gögler sagte, die mit der Stadt Meßkirch ausgehandelten Verträge böten eine sichere Grundlage, mit den Problemen, die allgemeine Veränderung und Zivilisation mitgebracht hätten, fertig zu werden. Die Ortsvorsteher wiesen darauf hin, dass sich vorangegangene Bürgeranhörungen mit dem Votum gegen den Anschluss an Meßkirch nicht gegen die Stadt gerichtet hätten, sondern dem Willen, die Selbstständigkeit zu bewahren, geschuldet gewesen seien.

In manchen Kommunen herrschte Widerstand

Widerstand gab es auch in den Tälegemeinden. Sie hatten früher alle zum Gebiet des Klosters Wald gehört und waren nach der Säkularisation hohenzollerisch geworden. Aber alle Versuche, sich nach dem früheren Hauptort Wald eingemeinden zu lassen, scheiterten. So unterzeichneten Dietershofen (mit Buffenhofen) und Ringgenbach am 17. Juni 1974 ihrerseits den Vereinbarungstext.

Beide Bürgermeister betonten, sie hätten die Einsicht gewonnen, dass ein Handeln gegen den Regierungsvorschlag nur Nachteile mit sich bringe. Am längsten sträubte sich Rengetsweiler. Die Gemeinde strengte sogar eine Klage gegen die Eingemeindung nach Meßkirch an, unterlag jedoch vor dem Staatsgerichtshof. Seit dem 1. Januar 1975 ist auch Rengetsweiler ein Ortsteil von Meßkirch.

Nach und nach werden die Gemeindehäuser gebaut

In der Folge gab es auch viele Vorteile für die Ortsteile: Straßen wurden saniert oder neu gebaut, Kanalisationen verlegt, neue Bau- und Gewerbegebiete erschlossen und Gemeindehäuser gebaut. Die erste neue Turn- und Festhalle entstand in Rohrdorf. Mit einem festlichen Gottesdienst wurde die in nur einjähriger Bauzeit errichtete Benzenburghalle am 25. Januar 1976 eingeweiht.

Bürgermeister Schühle sagte, nur durch den Zuschuss von 50 Prozent der Kosten in Höhe von 645 000 DM aus dem Konjunkturprogramm des Bundes sei der Bau so schnell möglich gewesen. In den anderen Ortsteilen ging es mit den Gemeindehäusern nicht so schnell: Ringgenbach 1981, Menningen 1982, Rengetsweiler 1991, noch später Langenhart und zuletzt Heudorf 2018 gingen aber nicht leer aus.

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