> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 24. Dezember 2009
 

 Lange Gespräche in der verschlossenen Zelle

Johann Lackinger aus Rengetsweiler ist Einzelbetreuer für Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg

Rengetsweiler – Seit Herbst 2005 ist der 62-jährige freie Handelsvertreter Johann Lackinger aus Meßkirch-Rengetsweiler in besonderer Mission unterwegs. Er betreut Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg. Ein Dienst, der besonders in der Weihnachtszeit Licht in das Leben im Gefängnis bringt. Mit strahlenden Augen schildert er seinen ehrenamtlichen Einsatz für die Menschen am Rande der Gesellschaft.

„Warum gehst du in den Knast – hast du nichts Besseres zu tun?“, wird Johann Lackinger oft gefragt, wenn er über sein ehrenamtliches Engagement in der Gefangenenbetreuung spricht. Fast niemand kann verstehen, dass er sich um straffällig gewordene Menschen kümmert. „Die sollen doch ihre Strafe absitzen – mit so was kann man sich doch nicht abgeben – die werden doch sowieso nicht besser.“ So oder ähnlich lauten die Kommentare oft. Es ist Lackinger jedoch anzusehen, wie viel ihm sein Engagement gibt.

Er selbst blickt auf keine leichte Lebensgeschichte zurück. Jahrelang bestimmte die Alkoholabhängigkeit sein Leben und das von Ehefrau Ingeborg. Nach ihrem Tod 2004 begann der damals 57-Jährige ein neues Leben. Durch den Glauben an Gott fand er Heilung und lebt nun als begeisterter Christ ein Leben in Fülle, beschreibt er. Ein Bericht eines Ehepaares über Gefangenenbetreuung im „Konradsblatt“ bewog Johann Lackinger zur Kontaktaufnahme mit verschiedenen Justizvollzugsanstalten (JVA) in der Nähe. Aus der JVA Ravensburg kam sofort eine Antwort.

In den Gefängnissen gibt es verschiedene Arten der Betreuung. In der Gruppenbetreuung wird zum Beispiel gesungen, getöpfert oder gemalt. Es gibt auch Bibel- oder Sportgruppen. Nach ein paar Tagen fanden die ersten Kontaktgespräche mit dem Gefängnisseelsorger und einem Sozialarbeiter statt. Einzelbetreuer werden nur den Gefangenen zugeteilt, die keine Verwandtschaft haben, sehr wenig Besuch bekommen oder wegen ihrer Inhaftierung in der Familie als „schwarze Schafe“ gelten. Johann Lackinger wurde ein Gefangener zugeteilt, erste Gespräche fanden im Beisein eines Sozialarbeiters oder Psychologen statt. „Die Chemie zwischen Betreuer und Häftling muss stimmen“, sagt Lackinger. Berührungsängste kannte der Rengetsweiler nicht – und für ihn spielte die Vorgeschichte des Gefangenen keine Rolle. „Wichtig ist, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie jemand sind.“

Johann Lackinger besucht seine Betreuungsperson ein- bis zweimal 

 

Johann Lackinger in seinem Lieblingssessel.
Bild: Häusler

monatlich für ein bis zwei Stunden. Man muss gut zuhören können, gibt Lackinger zu: „Der Gefangene muss sich bei mir auskotzen können. Ich habe es bisher immer geschafft, dass die Menschen in kürzester Zeit gesprächig werden.“ Dazu tragen gewiss auch Lackingers warme, offene Art und sein gütiges Lächeln bei. Mittlerweile betreut er seinen vierten Inhaftierten. Oft kommen die Einzelbetreuer gerade gegen Ende der Haftzeit zum Einsatz. Wenige Tage vor seinem Besuch muss sich der Einzelbetreuer anmelden. Der Besuch findet in einer Besucherzelle statt, die nach dem Betreten verschlossen wird.

Vielen Inhaftierten fällt das Gespräch mit Außenstehenden leichter als mit engen Verwandten oder der Familie. Die Inhaftierten stehen mit Johann Lackinger auch in telefonischem oder Briefkontakt. Die hohe Anzahl ausländischer Gefangener in Baden-Württemberg führt er darauf zurück, dass es ein Transitland im Bezug auf Drogenhandel sei. Es werden noch Betreuer gesucht, sagt Johann Lackinger – vor allem Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen, beispielsweise in Türkisch oder Russisch. Zeit, Interesse und selbstlose Liebe sollten sie mitbringen und sich vorurteilsfrei auf die Gefangenen einlassen können.

Johann Lackinger hat aus der Gefangenbetreuung gelernt, dass hinter jeder Straftat eine Geschichte steckt – und fast hinter jeder Geschichte das Mitwirken und die Mitschuld der Gesellschaft, wie er sagt. Oft kommt einer durch Leichtsinn oder falschen Umgang auf die schiefe Bahn. „Amen, ich sage euch: Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Diesen Satz aus dem Matthäus-Evangelium lebt Johann Lackinger mit seinem ehrenamtlichen Engagement.

 


 
 

Sandra Häusler, Südkurier Meßkirch, 24.12.2009

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