> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 20. Mai 2006
 

Hohenzollerische Residenzstadt seit 1806

SÜDKURIER-Serie zum Oberschwabentag

Sigmaringen - In der letzten Folge der SÜDKURIER-Seriie zum Oberschwabentag geht es um die historische Entwicklung bis zur Neuzeit.

Den Untertanen, insbesondere der Stadt Sigmaringen, waren die aus dem Prozess und aus den Bestrebungen der Grafen Karl II und Johann, sich von Österreich zu lösen und die Grafschaft als Reichslehen zu erhalten, nicht verborgen geblieben. Genau so wenig wie die daraus resultierende Verstimmung zwischen Österreich und dem Grafenhaus. Die politische Landschaft hatte sich geändert. Die Stadt nutzte die Situation und begann sich mit Hilfe der Regierung in Innsbruck aus der Bevormundung durch den Grafen zu lösen.

Mit dem Anspruch auf Freiheiten, wie sie die benachbarte Reichsstadt Pfullendorf hatte, wollte man österreichisch sein. Die Burgstadt wollte zur österreichischen Landstadt aufsteigen. Österreich - das Haus Habsburg - unterstützte die Bestrebungen der Stadt, um dem "widerspenstig Vasallen" die österreichische Lehenherrschaft zu demonstrieren. In den folgenden Jahren konnte die Stadt erhebliche Rechte erstreiten. Die mit Hilfe des Lehenherr Österreich durchgesetzte neue Stadtordnung von 1619/1623 brachte weitere Freiheiten und Rechtssicherheit. Die Herrschaftsverhältnisse in der hohenzollerischen Grafschaft waren uneinheitlich und verworren. Während die Stadt und andere Mediatorte (österreichische Lehen) der Grafschaft Sigmaringen und die ganze Grafschaft Veringen zur schwäbisch-österreichischen Landschaft gerechnet werden, gelten der Graf oder der Fürst - 1623 wird der Graf zum Reichsfürsten erhoben - und die Immediatorte (zollerisches Eigen) als zum Schwäbischen Reichskreis gehörig.

Obwohl Sigmaringen nie den Status einer österreichischen Landstadt im vollen Umfang erreichen konnte, galt sie im 18. Jh. als schwäbisch-österreichische Stadt. In den 1620 erstellten Listen der Standesmitglieder der schwäbisch-österreichischen Landschaft, zählt Sigmaringen zu den "newe angegebene, aber noch nit incorporierte ständt". Nach der Vermögensaufnahme von 1628 bis 1631 zählten aus der Grafschaft Sigmaringen die Stadt Sigmaringen, Sigmaringendorf, das Amt Kloster Wald, Rulfingen und Zielfingen, Hausen a.A. mit Mottschieß und Otterswang, Thalheim, Laiz, Rengetsweiler zu den an Österreich steuerpflichtigen Orten. Dies bedeutet aber nicht, dass der Schwäbische Reichskreis seine Ansprüche aufgab.

Ab 1683 liefen Verhandlungen zwischen Österreich und dem Schwäbischen Reichskreis über die Lösung der Steuerstreitigkeiten, die, ohne sich auf eine feste Übereinkunft zu stützen, 1698 zum Abschluss kamen. Ab diesem Zeitpunkt steuerte die Stadt Sigmaringen nur noch zum Schwäbischen Reichskreis und war auf

Wahrzeichen der Stadt und Erinnerung an alte Zeiten: das Hohenzollernschloss in Sigmaringen.
Bild:
Fahlbusch

den schwäbisch-österreichischen Landtagen nicht mehr vertreten.

Mit dem Verzicht auf die direkte Besteuerung hat aber Österreich nicht auf seine Lehenrechte verzichtet. Die Auseinandersetzungen hielten auch im folgenden 18. Jahrhundert an und endeten erst mit dem Pressburger Frieden vom 26.Dezember 1805, wo Österreich auf alle seine Lehenrechte verzichtet. Die Rheinbundakte vom 12. Juli 1806 bestätigte das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen als souveräner Staat. Sigmaringen steigt zur Residenzstadt auf und hat zu diesem Zeitpunkt 819 Einwohner.

Mit dem Ende des alten Reiches endete auch die letzte auf die Landvogtei Oberschwaben zurückzuführende politische Einheit, die "préfecture d'Altorff", wie die Landvogtei Schwaben im Pressburger Frieden genannt wird. Auch Schwäbisch-Österreich und der Schwäbische Reichskreis verschwanden von der politischen Landkarte.

Oberschwaben ist nur noch als Landschaftsname erhalten geblieben. Nach und nach verloren die zu Hohenzollern, Baden und Bayern gekommenen Gebiete ihr Zugehörigkeitsgefühl zu der Landschaft Oberschwaben. Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wird mit dem alten Begriff nur noch das zu Württemberg gekommene Kerngebiet zwischen Donau und Bodensee bezeichnet. Besonders in dem badischen Teil wurde der Name ganz verdrängt. Man wollte dort - trotz der Jahrhunderte alten Zugehörigkeit - keine Schwaben mehr sein und wurde zu Badenern.

Erst ab 1973 findet die Bezeichnung Oberschwaben wieder in dem Namen für die neu geschaffene Region Bodensee-Oberschwaben eine amtliche Bedeutung. Bis sich aber alle Menschen in den ehemals hohenzollerischen oder badischen Randzonen als Oberschwaben bezeichnen, wird noch einige Zeit vergehen und noch viel für ein neues und die Erinnerung an das alte Regionalbewusstsein getan werden müssen.


 
 

Kurt Schrem, Südkurier Sigmaringen, 20.05.2006

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