> Pressespiegel > Bericht: Südkurier 21. Juni 2005
 

Leseschwäche hat ihre Ursache immer im Gehör

Diplompädagogin referiert bei Elterninformationsabend über LRS - Lesen mit lauter Stimme erleichtert den Kindern das Lernen

Rengetsweiler (ian) "Wir lesen mit den Ohren". Unter diesem Titel organisierte die Nachbarschaftsgrundschule Rengetsweiler einen Elterninformationsabend in der Randenhalle. Diplompädagogin Julia Müller informierte die Eltern über Fördermöglichkeiten von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS).

"Wir wollten den Eltern einfach einen Ansprechpartner für solche Probleme vorstellen und sie für dieses Thema ein wenig sensibilisieren", erklärt Sabine Sellien, Vorsitzende des Elternbeirats, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. In ihrem zweistündigen Vortrag verdeutlichte Julia Müller gleich zu Beginn, dass viele Fälle von LRS, Rechenschwäche, Hyperaktivität und Unkonzentriertheit auf mangelhafte Verarbeitung von Schallinformationen zurückzuführen seien. Schließlich spielten auch beim Lesen akustische Informationen eine große Rolle. Denn ein Wort, das ein Kind noch nie in seinem Leben gehört habe, könne es auch nicht lesen. Während des Lesens folgten nämlich die Augen den Buchstaben und wandelten diese in "Wellen" um, welche vom Ohr entschlüsselt würden. Dadurch entstehe im Kopf eine Art Klangband, welches den Sinn der Buchstabenkombinationen schließlich dechiffriere. "Sehr wichtig ist es deswegen für die Kinder, mit lauter Stimme zu lesen", schlussfolgerte Müller. "Der Königsweg wäre allerdings immer noch, den Text zu singen!" Dadurch würden die Buchstaben und Wörter noch einprägsamer.

Müller stützt ihre Arbeit auf die Studien der Wissenschaftler Christian Volf aus Dänemark und Professor Alfred Tomatis aus Frankreich. Beide entwickelten unabhängig voneinander das so genannte "Hörtraining", das körperliche Unausgeglichenheit bekämpfen und störungsfreies Lernen ermöglichen soll. Dabei bringe man durch hochfiltrierte Musik und Stimmen die Aufnahmebereitschaft und Verarbeitung im Hören und Wahrnehmen wieder in die individuelle Idealform, erklärt Müller. Die einzige Voraussetzung dafür sei ein "medizinisch gesundes Gehör", welches zunächst ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt feststellen müsse.

Nach zahlreichen Ausführungen über die Formen von Leseschwächen und deren stets gehörbedingten Ursachen bot Müller ihrem Publikum an, sich selbst davon zu überzeugen, dass man, wie sie sagt, nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem gesamten Körper höre. Die Freiwilligen bat sie, mit den Fingern ihre Ohren zu verschließen. Ihnen legte sie eine vibrierende Stimmgabel an Knie oder Stirn. Tatsächlich bestätigten die Testpersonen, dass der Körper den Schall weitergeleitet habe, so dass sie ihn hörten.

Im Anschluss gab Julia Müller Tipps für das Lesen mit Kindern: Zunächst solle man vorzugsweise kurze Texte mit groß gedruckten Buchstaben auswählen und vor dem Lesen die Zeilen durchnummerieren sowie alle Satzzeichen mit einem bunten Textmarker farbig markieren. Beim Lesen solle man dann, gemeinsam mit dem Kind, bei jedem Satzzeichen eine Pause machen und leise bis drei zählen. Dann könne man sich mit dem Kind zeilenweise oder im Abstand von drei Wörtern oder einem Wort mit dem Vorlesen abwechseln. Wichtig sei auch, dass man auf gedehnte Wörter und die Aussprache von "st" achte.


Südkurier Meßkirch, 21.06.2005