> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 24. Dezember 2004
 

Die Krumbacher Glocken läuten wieder

Glockenstube wurde erneuert - Im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt und nach Hamburg geschafft

Krumbach - Rechtzeitig zu Weihnachten ruft nach einem halben Jahr ohne Glockenschlag wieder das Geläut vom Kirchturm der Pfarrkirche im Sauldorfer Ortsteil Krumbach die Gläubigen zum Gottesdienst. Nach langwierigen Ausbesserungsarbeiten am historischen Glockenstuhl in der Zimmerei und während der europäischen Glockentage in Karlsruhe steht die eichene Konstruktion seit zwei Wochen wieder im 20 Meter hohen Turm der St.-Johannes-der-Täufer-Kirche.

Seit wenigen Tagen ist die Glockenstube wieder vollzählig besetzt mit den 600, 200 und 110 Kilogramm schweren bronzenen Glocken. Um das zu bewerkstelligen, waren zwei Fachleute der Firma Turmuhren-Perrot aus Calw zehn Tage lang auf Glockenmontage in Krumbach.

Die vom Rost mürbe gewordenen Eisenjoche, an denen die Glocken hingen, wurden durch Holzjoche ersetzt und in neue Pendellagerböcke gesetzt, die Glocken konnten wieder eingehängt und über Eisenmanschetten in ihrer Halterung festgeschraubt werden. Nach dem Einhängen der gewichtigen Klöppel erhielt jede Glocke ihr eigenes elektromotorisch angetriebenes Läutewerk. Auf Knopfdruck kann der Mesner von der Sakristei aus jede einzelne Glocke entsprechend den liturgischen Bedürfnissen läuten. Es ist nicht das erste Mal, dass die Krumbacher Glocken ihren Kirchturm verlassen haben. Vor einem halben Jahr wurden sie wegen des schlechten baulichen Zustands des Glockenstuhls abgehängt.

Währen des Zweiten Weltkriegs waren sie beschlagnahmt worden, um daraus Waffen zu schmieden. Eine der drei Glocken verschwand tatsächlich in einem Glühofen der Kriegsindustrie. Die zwei anderen überdauerten unbeschadet den Krieg im Sammelplatz für beschlagnahmte Glocken, dem Freihafen von Hamburg, der im Volksmund auch "Glockenfriedhof" hieß. 16300 Glocken aus ganz Deutschland fanden die Truppen der damaligen Besatzungsmächte dort vor.

Die Kirchen gründeten 1947 den Ausschuss zur Rückführung der Glocken (ARG), der 12200 Glocken an die deutschen Gemeinden zurückgab. Übrig blieben 1300 Glocken, die im Gebiet zwischen der Oder-Neiße-Linie und der Ostgrenze des Deutschen Reiches von 1937 beschlagnahmt worden waren. Ihre Ausfuhr untersagte die Militärregierung der ARG. 1948 konnte auch die Rückführung von Glocken in die französisch besetzte Zone Deutschlands beginnen. Auf Rheinschiffen kamen sie nach Karlsruhe, von dort wurden 

Fah/Bild: Hahn

sie mit der Eisenbahn zu ihren früheren Kirchplätzen zurück gebracht.

Über die Heimkehr von Glocken in unsere Region finden sich in alten SÜDKURIER-Bänden einige Hinweise. Am 13. Januar 1948 war unter "Stockach und der Heuberg" zu lesen: "14 Glocken kommen zurück". Am 23. hieß es unter Meßkirch: "Unsere Glocken sind zurückgekehrt". In feierlichem Zuge wurden vergangene Woche drei heimgebrachte Glocken zum Kirchplatz geführt. Dort hielt Stadtpfarrer Bertrud eine kurze Ansprache an die zahlreich erschienenen Bewohner. Er dankte den Fuhrleuten und Handwerkern und wünschte den Glocken eine friedvollere Zukunft.

Auch die Rengetsweiler durften sich in jenen Tagen freuen. "Zur großen Freude der Gemeinde Rengetsweiler ist eine der abgelieferten Kirchenglocken zurückgekommen. Sie wurde im festlichen Zug nach der Kirche in Dietershofen zurückgeführt".

Die Krumbacher Glocken wurden wohl am Bahnhof in Sauldorf ausgeladen und auf einem von Kühen gezogenen Fuhrwerk nach Krumbach zurück gebracht. Eine der wenigen Krumbacher, die sich noch an das Geschehen vor 56 Jahren erinnern, ist Hilda Beppler. "Eines Tages, es muss vor unserer Hochzeit im Jahr 1949 gewesen sein, da hond se glitte", da sei ein mit Tannengrün bekränzter Wagen mit drei Glocken darauf auf dem Kirchhof angekommen. Unter den dreien war eine unbekannte Fremde. An jenem ereignisreichen Tag in unerfreulichen Zeiten unter dem Joch der Besatzung gab es zwei das Dorf bewegende Vorfälle. Ein trauriger und der fröhliche mit der Glockenheimkehr. Der mit dem Abholen der Glocken beauftragte Sägewerksbesitzer und Bauer Johann Hafner sei an diesem Tag auf seinem vor dem Ort liegenden Acker neben seinem Fuhrwerk tot aufgefunden worden, erinnert sich Frau Beppler. Es brauchte nur noch eines Gangs auf das Rathaus von Sauldorf. Das Sterbedatum des unglücklichen Krumbachers und der Tag der Glockenankunft war gefunden: der 16. Januar 1948.


 
 

Falko Hahn, Südkurier Meßkirch, 24.12.2004

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