> Pressespiegel > Bericht: Südkurier 12. September 2003
 

Älter als die Ersterwähnung

750 Jahre Heudorf (1):
Der Ort wurde wahrscheinlich bereits im 8. Jahrhundert gegründet

Heudorf - Heudorf feiert in diesem Jahr das 750. Jahr der Ersterwähnung, aber der Ort ist viel älter. In einer Urkunde von 1253 (das genaue Datum ist nicht bekannt, auf jeden Fall nach dem 11. Januar) übergeben die Herren von Kallenberg Güter an das Kloster Salem. Der Ort selbst wird nicht genannt, aber unter den Zeugen dieses Vorgangs erscheint, quasi nebenher, ein "Waltherus plebanus de Hoedorf", also der Leutpriester des Ortes. Dass Heudorf nicht schon früher in Urkunden auftaucht, hängt damit zusammen, dass es oft dem Zufall überlassen bleibt, ob wichtige Dokumente erhalten bleiben oder durch Brände, Wurmfraß oder Krieg verloren gingen.

Dass Heudorf viel älter sein muss, dafür sprechen verschiedene Gründe: Wenn es 1253 einen Leutpriester in Heudorf gab, dann muss es dort eine Kirche gegeben haben. Da die ersten Kirchen nach der Missionierung im 8. Jahrhundert meistens den Heiligen Martin oder Peter und Paul geweiht waren und die Heudorfer Kirche (wie auch die Rohrdorfer) eine Peter und Pauls-Kirche ist, können wir davon ausgehen, dass sie im 8. Jahrhundert gegründet wurde. Und dass damals schon ein Ort existierte, dafür spricht der Ortsname. Ab dem 6. Jahrhundert siedeln die Alemannen (ein Kampfverband aus Schwaben, Semnonen, Hermunduren und Juthungen) nach Sippen getrennt in Südwestdeutschland, nachdem sie ab 213 die Römer allmählich in die heutige Schweiz, Vorarlberg und das Elsaß zurückgedrängt hatten. Ihre Siedlungen benennen sie nach dem Sippenoberhaupt. Das alte Wort für Verwandte ist "Ingen". So entstehen die vielen -ingen-Dörfer: Tuttlingen (nach Tutilo), Sigmaringen (nach Sigmar) und entlang der Ablach, auf den besten Böden, Bichtlingen, Schnerkingen, Menningen, Göggingen, Rulfingen, Zielfingen.

Kurze Zeit später werden von weltlichen oder geistlichen Herren, also nicht familienweise, neue Siedlungen auf den etwas schlechteren Böden angelegt. Sie heißen "-heim" oder "-dorf": Thalheim, Altheim, Buchheim oder Worndorf, Schwandorf, Sauldorf, Rohrdorf und eben Heudorf. Hier finden sich keine Personennamen im Bestimmungswort, sondern topographische Bezeichnungen wie "Buch" (Wald), "Schwand" (Lichtung, Rodung), "Suhl" und "Rohr" (Moor), "Tal" und "Höhe" (alt "Hohi"). Heudorf ist also das "Höhendorf", das hoch gelegene Dorf.

Dasselbe Bestimmungswort findet sich auch in den anderen Heudorf-Namen (bei

Mengen, unter dem Bussen, im Hegau), in "Heuberg" sowie in der alten Bezeichnung des Hegaus ("Heugau"). Spätere Ausbausiedlungen des 8. bis 10. Jahrhunderts sind die -hausen-, -hofen-, -stetten-Namen (Hausen, Leitishofen, Dietershofen, Buffenhofen, Kreenheinstetten) sowie, ganz zuletzt, die -weiler-Orte auf den schlechtesten Böden (Rengetsweiler, Walbertsweiler, Hippetsweiler, Gaisweiler). Heudorf ist also, das verraten diese Fakten, eine Siedlung des 6. oder 7. Jahrhunderts mit einer Kirche aus dem 8. Jahrhundert.

Über die politischen und Herrschaftsverhältnisse vor 1253 kann man nur spekulieren. Da Heudorf im Mittelalter immer zusammen mit Rohrdorf und Meßkirch genannt wird und alle drei Orte eine Peter und Pauls-Kirche besitzen (neben St. Martin sind in der Meßkircher Stadtkirche auch Paulus und Petrus als Kirchenpatrone dargestellt), kann man davon ausgehen, dass die drei Orte den Kernbereich der Herrschaft Rohrdorf bilden, deren Grafen, Verwandte der mächtigen Grafen von Veringen, auf dem Benzenberg bei Rohrdorf eine Burg besaßen. Und auch später, eigentlich bis heute, blieben diese drei Orte zusammen und haben eine gemeinsame Geschichte.

Nach 1210 ging die Herrschaft Rohrdorf auf eine Nichte Graf Mangolds, Adelheid, über, die mit Heinrich von Neifen verheiratet war. 1228 verkaufte dieses Paar die Herrschaft Rohrdorf an die Truchsessen von Tanne-Waldburg, die sich zuerst Truchsessen von Waldburg zu Rohrdorf und später, als sie im 14. Jahrhundert ihren Sitz nach Meßkirch verlegt hatten, Truchsessen von Waldburg zu Meßkirch nannten. Sie sind die Gründer der Stadt Meßkirch, ihr Wappen ist heute das Ortswappen von Rohrdorf. 1340 heiratete die Alleinerbin dieser Herrschaft, Anna Truchsessin von Waldburg, den Freiherrn Werner von Zimmern aus der Rottweiler Gegend. Die Waldburger Verwandten verzichteten auf ihr Erbrecht, damit konnten die Zimmern bis 1595 über Heudorf regieren.


 
 

Dr. Werner Fischer, Südkurier Meßkirch, 12.09.2003

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