> Pressespiegel > Festvortrag von Dr. Armin Heim, 15. Dezember 2001
 

Rengetsweiler und der "Randen"

Festvortrag anlässlich der Namensgebung der "Randen-Halle" in Rengetsweiler am 15.12.2001

Die "Randen-Halle" trägt ihren Namen in Anlehnung an das gleichnamige Waldgebiet zwischen Rengetsweiler und Wald, dessen Bodenschatz, dem sogenannten "Randengold" (Quarzsand) sie letztlich ja ihre Entstehung zu verdanken hat. Sie trägt damit aber zugleich auch einen Namen, dessen sprachwissenschaftliche Erklärung äußerst schwer fällt. Abgesehen davon, dass bekanntlich auch ein kleiner Gebirgszug im Klettgau als "Randen" bezeichnet wird, ist das Wort ansonsten als Flurname äußerst selten. In den einschlägigen Flurnamenbüchern, Wörterbüchern und Lexika sucht man den Begriff vergeblich. Vielleicht leitet sich "Randen" von dem alten Wort "Rangen" ab, was so viel wie Hügelkette oder Hügelreihe bedeutet (der Wechsel von g zu d ist in der Sprachentwicklung häufig zu beobachten). Darüber hinaus kann spekuliert werden, dass "Randen" irgend etwas mit Grenze zu tun hat, sei es Grenze eines Gebietes oder Grenze eines Waldes.

Tatsächlich ist die Ortsgeschichte von Rengetsweiler entscheidend geprägt einerseits von der Lage des Dorfes inmitten eines früher weitläufigen und dichten Waldgebietes, andererseits durch Grenzläufe. Werfen wir also einen Blick auf die Geschichte, um auf diese Weise vielleicht der Deutung des Namens "Randen" einen Schritt näher zu kommen.

Über die Entstehungsgeschichte von Rengetsweiler verrät uns bereits der Ortsname das Wesentliche: Wie alle Orte mit der Endsilbe -weiler, so entstand auch Rengetsweiler im 8. oder 9. Jahrhundert als sogenannter Ausbauort, d.h. ausgehend von einer älteren Siedlung machte sich die dort überzählige Bevölkerung auf, um durch Rodung von Wäldern einen neuen Ort in bislang noch unbesiedeltem Gebiet zu gründen.

Man kann in unserem Raum den Verlauf der Siedlungstätigkeit im Hochmittelalter anhand der Ortsnamen recht gut nachvollziehen: Die alemannischen Altsiedelorte mit der Namensendung -ingen, die bereits im 5. und 6. Jahrhundert entstanden waren, finden wir an den siedlungstopographisch günstigsten Stellen entlang des Ablachtals: Göggingen, Menningen, Schnerkingen, Bichtlingen. Es dauerte einige Jahrhunderte, ehe die Bevölkerung in diesen Altsiedelorten so weit angewachsen war, dass die zur Landwirtschaft geeigneten Flächen knapp wurden. Bevor man also zur Teilung und damit Verkleinerung der bestehenden Höfe schritt, hielt man Ausschau nach neuen Siedlungsgründen in den umliegenden Waldgebieten. So entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft fast jedes Altsiedelortes Ausbausiedlungen, deren Ortsnamen auf -stetten oder -hofen endeten. Im Falle von Menningen, wo ein Seitental der Ablach offenbar vergleichsweise günstige Siedlungsvoraussetzungen bot, entstand sogar eine ganze Kette von Folgesiedlungen: Leitishofen, Kogenhofen (das heutige Ringgenbach), Buffenhofen, Dietershofen, Allmannshofen. Und ausgehend von dieser ersten Welle von Neugründungen folgte schon nach wenigen Generationen eine zweite Welle tief ins Waldland vorgetriebener Siedlungen, nämlich die Weilerorte: Rengetsweiler, Walbertsweiler, Wanhartsweiler. Alle diese Ortschaften, die zunächst kaum mehr als zwei oder drei Höfe umfaßt haben dürften, waren - wie schon die Altsiedelorte - benannt nach ihrem Ortsgründer: Der Name Rengetsweiler bezeichnet also die Siedlung eines Mannes, der vermutlich Reginger hieß.

Dr. Armin Heim während seines Festvortrages

Bild: Kleinert

Dieser Reginger und seine Gefährten gehörten zu denen, die hier wohl im 9. Jahrhundert das unendlich mühselige Geschäft auf sich nahmen, inmitten der damaligen Wildnis durch Rodung neue Siedlungs- und Anbauflächen zu gewinnen. Oft war solchen Ausbauorten keine lange Dauer beschieden, da sich die Böden in den ungünstigeren Siedlungslagen als zu wenig ertragreich oder zu feucht erwiesen; manchmal mangelte es auch am nötigen Trinkwasser. Das in der Petershauser Chronik erwähnte Wanhartsweiler, das wahrscheinlich ganz in der Nähe und jedenfalls auf der späteren Rengetsweiler Gemarkung gelegen war, ist ein Beispiel für eine solche schon bald wieder aufgegebene Siedlung. Die Gründer von Rengetsweiler hatten offensichtlich mehr Glück bei ihrer Standortwahl.

Ausschlaggebend für die Gründung neuer Rodungsorte war neben dem wachsenden Bevölkerungsdruck in den Altsiedelorten auch der Anreiz, der sich durch die rechtliche Besserstellung ergab. Wer nämlich sein Land selbst der Wildnis abgewann und urbar machte, dem gehörte es zu eigen, d.h. er war im Unterschied zu den Bauern in den Altsiedelorten zunächst einmal keinem Grundherrn abgabepflichtig. Natürlich hat sich auch in den Rodungsorten über kurz oder lang das allgemeine System der Grundherrschaft durchgesetzt, bei der sich nahezu das gesamte Land in der Hand einiger weniger Großgrundbesitzer befand, die die Dorfbewohner in immer stärkere Abhängigkeit und schließlich unter die Leibeigenschaft zwangen. Trotzdem muss auffallen, dass hier in den Waldorten südlich der Ablach noch erstaunlich lange, nämlich bis ins 14. Jahrhundert, freie Bauern nachweisbar sind.

Wie einsam und abgelegen die Gegend im Hochmittelalter tatsächlich gewesen sein muss, zeigt übrigens auch der Umstand, dass 1214 der kleine Ort Wald in einer Senke hinter dem "Randen" zur Ansiedlung eines Zisterzienserinnenklosters auserkoren wurde. Der Zisterzienserorden suchte bewusst menschenleere und weltabgeschiedene Landstriche für die Gründung seiner Klöster.

Zur Zeit der Gründung von Kloster Wald im frühen 13. Jahrhundert war die Siedlungstätigkeit in unserem Raum längst abgeschlossen. Wald war - von Rengetsweiler aus gesehen -jenseits des "Randen" entstanden. Wahrscheinlich bezeichnete der "Randen" die äußerste Grenze der hochmittelalterlichen Siedlungstätigkeit, soweit sie vom Ablachtal her erfolgt ist. Als eine der höchsten Erhebungen im Waldland bildete der "Randen" eine natürliche Grenzscheide; andere Ausbauorte jenseits des "Randen" - Riedetsweiler, Hippetsweiler, Gaisweiler - sind sicher aus entgegengesetzter Richtung, also von anderen Altsiedelorten aus gegründet worden.

Zur Seite 2

 
 
 

Dr. Armin Heim, 15.12.2001

nach oben